Du siehst mich

von Eva-Maria Schnarre, Pfarrerin in der Gemeinde Herford-Emmaus und für die Frauenarbeit im Kirchenkreis

„Du siehst mich!“ - war das Motto des Kirchentages, der am letzten Maiwochenende Menschen nach Berlin und Wittenberg geführt hat.

Gesehen zu werden ist den Menschen in der heutigen Zeit scheinbar sehr wichtig. Der „Look“, d.h. was wir an anderen sehen oder wie andere unser Äußeres bewerten, bestimmt bei manchen das Ansehen und den Status von Menschen.

Das erleben wir spätestens, wenn in Schulen Kinder und Jugendliche oft massiv gemobbt werden, weil ihr „Look“ – also Aussehen und Marke ihrer Kleidung - nicht stimmen. Aussehen bestimmt das Ansehen – auch ob man den Maßstäben andere in Körperform und –fülle entspricht oder ob die sonstigen Statussymbole, die man zeigen kann, „ansehnlich“ sind.

Und in sozialen Netzwerken ist längst der „gläserne Mensch“ einsehbar geworden – mein Haus, mein Auto, meine Freunde, meine Familie, mein Abendessen, mein Schlafzimmer … !!! Alles wir gepostet oder in Apps an alle verschickt, die zu mir gehören. Es gibt Einblicke in fast alle Lebensbereiche. Alles wird „geteilt“ – jedenfalls mitgeteilt.

„Jeder kann mich ruhig sehen“ – scheint es zu heißen. Und auch: „Jeder will mich sehen – und was ich bin, mache…“

Längst warnen andere vor den Gefahren solcher  Offenlegung aller Lebensbereiche. Dass es nicht nur „Freunde“ sind,  denen man da viel von sich mitteilt, wird gemahnt. Manchmal sind es auch – „bestenfalls“ -  Firmen, die sich plötzlich für mich interessieren, um mir gezielt etwas zu verkaufen. Schlimmer ist es, wenn andere es aber gar nicht gut mit mir meinen und nur nach dem in den Medien nachsehen, wie sie mich schädigen können. Virtuell öffnen wir selbst manche Türen, durch die andere hineinsehen können - ob meine Abwesenheit gerade für einen Einbruch Zeit lässt oder wie sie mir beruflich schaden können.

„Du siehst mich“ – passt das Motto des Kirchentages also in eine Zeit, in der es sehr viel um Ansehen, Aussehen, Einblicke und Öffentlichkeit geht.

Gleichzeitig spüren viele aber auch, dass man inmitten dieses Offenlegens der Lebenszeit und Lebenssituation immer weniger den Eindruck hat „wirklich“ gesehen zu werden. 

Wir kennen alle die Familien, die den Blick füreinander verloren haben und längst im Restaurant jeder mit einem Handy ihren eigenen „Kontakten“ nachgehen, statt dem leckeren Essen und dem Geschmack und der Mühe, die darin steckt, noch angemessene Aufmerksamkeit zu schenken oder dem Gegenüber wirklich in die Augen zu sehen und dann mit ihr und ihm ins Gespräch zu kommen.

„Du sieht mich?!“ – erlebte ich erst gestern ein kleines Mädchen, das von seiner Mutter aus dem Kindergarten abgeholt wurde, zum Bersten voll mit Erlebnissen, die sie loswerden wollte. Der „Look“ des Kindes stimmte – Prinzessinnenkleid, teure Marke. Aber ihr Gesicht erzählte von der Enttäuschung, dass die Mutter nicht wirklich hinsah, was sie da gebastelt hatte und nicht hinhörte, was sie da so aufgeregt erzählte. Die Ohren verstopfte nämlich noch ein Kopfhörer-Paar. Ihr scheinbar zustimmendes „Mhm! Mhm!“ kam fühlbar automatisch und nicht aus dem Verstehen oder gar aus dem Herzen – was schon dieses kleine Mädchen spürte und quasi nach Aufmerksamkeit bettelte.

„Du siehst mich!“ – dieses Kirchentagsmotto ist einer Geschichte entnommen, in der es ganz viel um das Sehen geht – denn Sara, die Frau Abrahams sieht ihre Magd Hagar zuerst nur als Mittel zum Zweck an. Wie eine Leihmutter soll sie ein Kind von Abraham zur Welt bringen, das dann auch Sara gehören soll. Hagar sieht dann hochmütig auf Sara herab, weil sie dann tatsächlich schwanger wird und lässt die kinderlose Sara ihre Verachtung spüren. Und Abraham sieht weg, als Sara schließlich Hagar zu quälen beginnt, weil sie diese Herablassung spürt und neidisch ist auf die schwangere Magd. Als Hagar dann keinen Ausweg mehr sieht und verzweifelt in die Wüste flieht, begegnet ihr schließlich ein Engel. Und genau den, den sie als direkten Boten Gottes sieht, schaut sie staunend an -  mit diesen Worten:  „Du siehst mir!“

„Diesem Gott bin ich wirklich wichtig!“ erkennt sie!  Sie spürt, wie einzigartig es ist, dass er allen hinterher geht – auch denen, die manchmal, wie sie, nicht ganz schuldlos sind an manchen Reaktionen anderer. Sie erkennt, dass Gott sie ansieht und annimmt, obwohl sie gar nicht zu seinem Volk gehört – trotzdem lässt sie nicht alleine, sondern wendet sich auch ihr zu.

Sie staunt, wie er nachgeht – jeder/jedem einzelnen, weil es nicht um „viele“ geht, sondern vor ihm immer wieder auch genau um mich! Sie kann darum annehmen, was er sagt: „Geh zurück zu Sara und Abraham!“ – Manchmal dauern Zeiten, in denen man keinen Weg sieht eine Weile an, aber er lässt auch in den Wüsten des Lebens nicht alleine. Und er sagt ihr und ihrem Sohn Ismael gute Zukunft voraus. So angesehen vertraut sie diesem Gott, der ihnen Hoffnung verheißt und Leben.

Staunend nennt sie den Brunnen der Begegnung: „Du-siehst-mich-an“-Brunnen – damit alle, die von ihm hören, mit ihr darüber staunen, dass Gott wirklich ansieht – sie – mich – dich. Denn wer aus diesem Brunnen trinkt, soll das Leben spüren das Gott schenkt, weil er sich unser annimmt – wo wir auch sind.

„Du siehst mich!“ – Ich wünsche uns in einer Zeit, in der viel „öffentlich“ gemacht wird und der „Look“ vieles ausmacht, viele Menschen, die nicht nur nach dem Augenschein urteilen. Und ich erhoffe mir, dass wir aufmerksam wieder einüben „wirklich“ hinzusehen – wie ich auch angesehen werden will.

Vor allem aber wünsche ich uns immer wieder das große Staunen der Hagar, dass Gott uns wirklich ansieht, wie ich bin – und (trotzdem) liebt. „Du bist ein angesehener Mensch“ - setzt er diesen neuen Wertmaßstab. Und dass der neben mir es auch ist – ein angesehener Mensch – sollte mir die Augen öffnen für das, was Gott darum von mir erwartet. Wie wir miteinander reden – handeln – leben.

Vor zwei Wochen hatten wir in unserem Kindergarten „Kinderbibelwoche“ – Thema: „Martin Luther“. „Wie können wir den Kindern die reformatorische Erkenntnis nahe bringen, dass man Gottes Liebe nicht mit Geld kaufen kann und muss, sondern zuerst voraussetzungslos geschenkt bekommt  von ihm? “ war unsere Frage.

Und wir haben es gelöst,  indem wir eine „Schatztruhe“ mit Geld und Gold hatten, aus dem wir alles scheinbar Wertvolle hinauswarfen – um schließlich nur noch ein „Geheimnis“ darin zu haben. Jedes Kind durfte hineinschauen, um einen großen Schatz zu sehen zu bekommen, den Gott besonders liebt – und schaute beim Blick in die Schatztruhe in einen Spiegel!

„Ich bin ein Schatz von Gott!“ – staunte der erste – und die zweite – und …

Gesichter strahlten. „Angesehen! Ich bin´s!“

„Du siehst mich Gott!“ – So möchte ich auch wieder staunen lernen – über ihn und mich und dich!

Andachten 2017

JanuarMichael KrauseMenschliche Menschen werden
FebruarRuth WesselsBitte recht freundlich
MärzAxel BruningSchulden gestrichen
AprilDr. Kai-Uwe SpanhoferKein Weg zurück
MaiHolger KasfeldDer Sonntag - ein Geschenk des Himmels
JuniEva-Maria SchnarreDu siehst mich
JuliVolker KükenshönerAufbruch und Begeisterung
AugustHanno PaulAlte Eltern ehren
SeptemberGabriele Steinmeier„Nicht die Glücklichen sind dankbar. Es sind die Dankbaren, die glücklich sind.“
OktoberUta BültermannMuss man Danke sagen?
NovemberMarkus FachnerReformation braucht Mut
Dezember Claudia GüntherAnkunft im Leben