„Ich glaube, hilf meinem Unglauben!“

von Superintendent Michael Krause

Manchmal ereignet es sich: Da fällt ein Bibelwort mitten hinein ins Leben. Das richtige Wort zur richtigen Zeit.

Es war im Studium, 10. Semester. Mein Wechsel nach Münster zur Examensvorbereitung stand bevor. Ich hatte mich voll hineingestürzt in die Theologie. Tübingen war ein wunderbarer Ort dazu – und dass nicht nur, weil ich gerne auf dem Neckar mit dem Stocherkahn gefahren bin oder meine Wege durch den Schönbuch gesucht habe oder abends auf dem Rathausplatz der Trollinger recht gut schmeckte.

Ich mochte die intensiven Debatten, die morgens um kurz nach acht Uhr mit einer Vorlesung ihren Anfang nahmen und oft bis spät in den Abend reichten. In meinem letzten Sommersemester konnte ich spannende Veranstaltungen besuchen:  U.a. ein neutestamentliches Seminar zu 1. Korinther 15, dem großartigen Auferstehungskapitel des Paulus („Nun aber ist Christus auferstanden von den Toten als Erstling unter denen, die entschlafen sind.“), ein alttestamentliches Seminar zu den Gottesknechtsliedern bei  Deuterojesaja („Fürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen.“), eine Vorlesung bei Jürgen Moltmann über die Hoffnung auf das Kommen Gottes.

Ich weiß noch, dass ich in jenem Sommer wie beseelt war. Für die schöne schwäbische Landschaft hatte ich leider viel zu wenig Zeit, weil ich mich in die theologischen Dinge vergraben hatte, um möglichst alles, was es da gibt, noch einmal auszukosten, bevor es in das theologisch gesehen etwas sprödere Münster ging. Das war aber ein vergebliches Bemühen. Immer wieder kamen neue Aspekte hinzu, ganze Bücherregale voller Wissen. Es war völlig klar, ein Leben würde niemals reichen, um all dieses aufzusaugen und zu durchdringen.

Bei aller Freude an der Sache, war ich darüber doch betrübt. Und ein zweiter schwieriger Punkt kam hinzu: Ich konnte auch noch so viel an Wissen hinzugewinnen, meinen Glauben hat das nicht unbedingt sicherer gemacht. Zumindest erschien er mir in jenen Tagen bedrohlich schwankend zu sein und hinter dem angeeigneten Wissen zu verblassen. Ich geriet ins Grübeln, wie fest denn das Glaubensfundament sein müsse, um später einmal als Pastor arbeiten zu können. Die Zweifel, ob ich überhaupt jemals etwas zu sagen hätte, waren sehr groß.

Ich hatte die Gelegenheit, im Institut für Spätmittelalter und Reformationsgeschichte als Hilfskraft zu arbeiten. Dort wurde ein ausführliches Register zu den Schriften Martin Luthers erstellt. Ich musste einzelne Artikel, die von den wissenschaftlichen Mitarbeitern geschrieben worden sind, hinsichtlich der Stellenangaben nachprüfen. Ein sehr ausführlicher Artikel ging über Gottes Geist, lateinisch: spiritus. Darin fand sich der Satz: Spiritus sanctus non est Scepticus, der Heilige Geist ist kein Skeptiker. Wenn das so ist, dachte ich damals, dann macht der Heilige Geist gerade einen Bogen um mich.

Einem der Mitarbeiter habe ich von meinen Zweifeln erzählt und auch von der Unsicherheit, die ich empfand. Er hat mir zugehört, zwischendrin etwas nachgefragt. Er hat auch von sich und seinem Glauben selbst erzählt und schließlich den Vers aus Markus 9 ins Spiel gebracht: „Ich glaube, hilf meinem Unglauben.“ Seither hat mich dieses Wort, das nun die Losung für das neue Jahr sein soll, nicht losgelassen. Es ist ein Glaubenszeugnis, das auch der Anfechtung, der Unsicherheit, dem Wanken und Schwanken Raum gibt – ohne einen der Verzweiflung anheimfallen zu lassen.

Die Losung ist ja eigentlich ein Schrei. Ein Mensch in Not. Ein Vater sorgt sich um seinen kranken Sohn. Viele hat er schon um Hilfe gebeten. Eine letzte Hoffnung bleibt. Er wendet sich an Jesus: „Wenn Du etwas tun kannst, so erbarme dich unser und hilf!“ Nur mit einem Vorbehalt kann der Vater glauben – „wenn du etwas tun kannst …“ Jesus tadelt ihn deswegen nicht, vielmehr gibt er Anteil an seiner Vollmacht: „Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt.“ Eine Ermutigung. Ohne zu zögern vertraut sich der Vater des Jungen Jesus an: „Ich glaube, hilf meinem Unglauben!“

Vielleicht, so bin ich ins Nachdenken gekommen, gibt es zwei Weisen zu glauben, die man unterscheiden muss, die aber zugleich nicht zu trennen sind. Zum einen gibt es das Bekenntnis zu Jesus, den Glauben an ihn. So wie der Vater des Jungen ja auch Jesus etwas zutraut. Sonst würde er sich nicht an ihn wenden. Zum anderen aber will er sich nicht ganz auf Jesu Ermutigung verlassen. Für den Moment jedenfalls kann er es nicht uneingeschränkt sagen. Glauben ist neben dem Bekenntnis offenbar auch etwas, das mal wachsen oder auch mal kleiner werden kann.

Ich selbst hatte für mich irgendwie klar, dass ich in der Spur Jesu unterwegs sein möchte. Deswegen wollte ich auch alles möglichst genau verstehen und habe mich intensiv ins Studium geworfen. Zugleich aber gab es auch die schwankende Seite. Die hatte mit Enttäuschungen im Glaubensleben zu tun. Glaube ist ja mehr als ein bloßes Für-Wahr-Halten von Dingen. Er hat mit Vertrauen und Gefühlen, mit Erfahrungen zu tun. Und das ist nun mal ein unsicheres Terrain. Das lässt sich nicht sichern durch Formeln und nicht festklopfen durch Katechismustexte. Da bleibt oft nur die Bitte: Herr, hilf!

Mich hat die Erinnerung an den Schrei des Vaters aus dem Markusevangelium davor bewahrt, dass aus meinen Zweifeln Verzweiflung wird. Für andere mögen es andere Bibelworte sein, die diese Kraft entfalten. Bibelworte sind niemals flach, sie sind erfahrungsgesättigt und gottoffen. Sie sind besonders geeignet, uns aus den Verkrümmungen des Lebens herauszureißen. Bibelworte fallen aber nicht einfach so vom Himmel. Sie haben, wenn es gut läuft, ihren Ort im Gespräch. Dann, wenn Schwestern und Brüder einander trösten und aufhelfen. Das ist die Erfahrung, die ich an dem Tübinger Institut gemacht habe. In den Gesprächen mit dem Mitarbeiter dort.

In bin damals aus meiner inneren Zwickmühle herausgekommen. Der Weg hat sich gelichtet. Ich habe auch weiterhin Erfahrungen gemacht mit einem schwankenden Glauben, der mal kleinmütig ist und zu einem anderen Zeitpunkt Gott alles zutraut. Ich weiß, dass es dieses Phänomen gibt. Das wirft mich so nicht mehr aus der Bahn. Gott, der alles trägt, der Macht hat über den Tod und kommen wird, um alle Dinge zurechtzubringen, gibt auch dem Kleingläubigen Anteil an seiner Vollmacht. Gott, das ist meine Hoffnung, hält mich auch dann aus, wenn ich mal nicht ganz bei der Sache bin.

Ich selbst habe immer wieder große Hilfe durch das Gespräch mit den Schwestern und Brüder gefunden, mit den Zweiflern und denen, die Gewissheit haben. Das war in der Zeit in der Gemeinde so und auch in der Zeit im Kirchenkreis. Ohne geht es – denke ich – auch wirklich nicht. Die Jahreslosung ist so gesehen eine Ermutigung, das Gespräch über den Glauben zu suchen. Erzählen, Zuhören, Nachfragen, biblische Worte einspielen, beten. Das wird nicht nur die einzelnen Leute, sondern auch kleinmütig gewordene Gemeinden stark machen. Alle Dinge sind möglich denen, die da glauben.

Andachten 2020

JanuarMichael Krause

„Ich glaube, hilf meinem Unglauben!“ 

FebruarHanno PaulGottesbilder
MärzAnn-Kristin Schneider„Wachet!”
AprilChristian WellensiekVertrauen trainieren in der Krise
MaiAxel BruningSorget, aber sorget nicht zuviel !
JuniBettina FachnerPfingsten – Gott gibt seinen Geist
JuliAnna-Lena Strakeljahn Stabile Verbindung
AugustChristoph HarderDerek Redmond
SeptemberAnnina LigniezDie Schönheit des Nichtperfekten
OktoberKatja Okun-Wilmer„Einigkeit und Recht und Freiheit“
NovemberReinhard LinkeDie zunehmenden Coronazahlen versetzen viele Menschen in Sorge und Ängste.

Andachten 2019

JanuarMichael Krause

Suche Frieden und jage ihm nach!

FebruarVolker KükenshönerSchraube locker
MärzMatthias GleibeDie große Hoffnung
AprilMichael HeßMeine alte Bibel
MaiKai-Uwe SpanhoferMal ehrlich
JuniKatja Okun-WilmerWas für ein Vertrauen!
JuliSebastian StussigUnerhört
AugustRainer WilmerBraucht die Nächste ein Gesicht?
SeptemberHolger KasfeldVertrauen hat eine eigene Qualität
OktoberBettina FachnerBrot ist Leben
NovemberPetra Ottensmeyer

Die Blätter fallen

DezemberMichael HeßWo ist der Ochse?