„Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“

von Superintendent Dr. Olaf Reinmuth

Wie gehen Sie in das neue Jahr hinein? Mit Hoffnung, mit Ratlosigkeit, mit Sorgen? Was steht im Vordergrund?

Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“ - Die Jahreslosung kommt aus dem Lukasevangelium. Der Satz stammt aus der Feldrede Jesu, parallel zur Bergpredigt des Matthäus.

Gott ist einer, der sich in Barmherzigkeit übt, immer wieder, selbst da noch, wo es erfolglos bleibt. Barmherzigkeit steht an erster Stelle. Die Bibel erzählt das in vielen Variationen. Es kommt darauf an, die Barmherzigkeit, die ich erfahre, in mir selber sich ausbreiten zu lassen und weiterzugeben.

Barmherzigkeit verspricht eine Wende zum Leben. Die berühmteste Geschichte, in der das programmatisch erzählt wird, ist das Gleichnis vom Verlorenen Sohn aus Lukas 15. Obwohl einer alles verloren hat und nicht mehr wert zu sein scheint, nimmt ihn der Vater zurück und behandelt ihn als den Sohn, den er wiedergefunden hat, nachdem er verloren war. Der Vater freut sich und rechnet den Misserfolg nicht vor.

Die Bibel macht aus der Gnade, die ich erfahre, eine Art Handlungsprinzip:

Lukas, 6, 36 Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. 37 Und richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebt, so wird euch vergeben. 38 Gebt, so wird euch gegeben. Ein volles, gedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß wird man in euren Schoß geben; denn eben mit dem Maß, mit dem ihr messt, wird man euch zumessen.

Barmherzig sein heißt: eine Chance einräumen, großzügig sein, wie Gott mit uns großzügig ist, vergeben, wo es nötig ist. Barmherzigkeit heißt: sich berühren lassen von den Verletzungen anderer und der eigenen Verletztheit. Barmherzig sein heißt: Lebensmöglichkeiten vor Augen führen.

Ich erfahre Großzügigkeit, nehme sie auf und gebe sie weiter. Aus mir alleine heraus wäre ich dazu wohl kaum in der Lage, anderen gegenüber großzügig zu sein. Zu sehr bin ich mit Vergleichen und Aufrechnen beschäftigt. Zu sehr hänge ich den Idealen hinterher. Aber wenn ich barmherzig behandelt werde, dann sollte das möglich sein. Ich kann andere großzügig behandeln und muss mir selber gegenüber nicht unerbittlich sein.

Der Beginn von Barmherzigkeit ist innere Bewegung. Ich erfahre Zuwendung und kann mich für das Schicksal anderer öffnen. Ich fühle die Verbundenheit und mache etwas daraus. So wird das von Jesus erzählt, der sich mancher Kranker erbarmt, denen er begegnet. So wird es von Gott erzählt, dem Ursprung von Barmherzigkeit, dem Vater aus dem Gleichnis vom Verlorenen Sohn. Gott lässt sich bewegen von uns. Das glauben wir. Er gehört nicht zu den Unberührbaren, fernab im Himmel. Er lässt sich in unsere Leben hineinziehen. Das erzählt ja gerade die Weihnachtsgeschichte und alles, was nach ihr kommt.

Barmherzigkeit, das heißt: ich lasse mich berühren, gehe über meine innere Abschottung hinaus zum anderen hin, sogar zu solchen, die ich vorher gar nicht kannte, sehe die Verbundenheit unter Menschen und lebe sie, setze sie kreativ um.

Das Paradebeispiel ist der Barmherzige Samariter, auch eine Gestalt aus dem Lukasevangelium. Er tut das, was hilft, als er einen findet, der unter die Räuber gefallen ist. Er lässt den Verletzten nicht links liegen.

Gott kommt uns nah, über alle Grenzen und Verletzungen hinweg, sehr aktiv, sehr einfühlsam, lässt sich bewegen von unserem Ergehen. Das erzählt die Bibel in vielen Geschichten. Daran erinnert die Jahreslosung. Sie will uns einen Impuls geben: mach das zu deinem Grundsatz. Suche Verbindungen, bleibe nicht abgekapselt, bleibe nicht für dich. Suche nach Möglichkeiten für andere und für dich selber. Du wirst nicht auf das festgelegt, was gescheitert ist! Deine Verletzungen sind nicht alles! Du bist längst darüber hinaus!

Es ist wahr: die Krise wirft uns auf uns selber zurück. Aber in ihr entfaltet sich eine Menge an Phantasie, wie Lebendigkeit entsteht. Wir müssen uns nicht fixieren lassen auf das, was nicht funktioniert. Kontakte lassen sich anders als bisher gewohnt umsetzen. Schließlich: dass es so viele Hilfsaktionen gibt, Menschen nicht hängen zu lassen, ist auch Auswirkung von barmherziger Lebenseinstellung. Barmherzigkeit entdeckt Leben, in mir und in anderen.

Also: Wenn wir uns Barmherzigkeit zu eigen machen, dann können wir getrost und gestärkt in das neue Jahr gehen.

Gott behüte Sie! Amen.

Andachten 2021

JanuarOlaf Reinmuth

„Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“

FebruarMarkus FachnerNicht unterkriegen lassen
MärzKai-Uwe SpanhoferSoviel Du brauchst
AprilChristoph HarderVerzeihen statt Nachtreten
MaiVolker KükenshönerWichtige Arbeit

Andachten 2020

JanuarMichael Krause

„Ich glaube, hilf meinem Unglauben!“ 

FebruarHanno PaulGottesbilder
MärzAnn-Kristin Schneider„Wachet!”
AprilChristian WellensiekVertrauen trainieren in der Krise
MaiAxel BruningSorget, aber sorget nicht zuviel !
JuniBettina FachnerPfingsten – Gott gibt seinen Geist
JuliAnna-Lena Strakeljahn Stabile Verbindung
AugustChristoph HarderDerek Redmond
SeptemberAnnina LigniezDie Schönheit des Nichtperfekten
OktoberKatja Okun-Wilmer„Einigkeit und Recht und Freiheit“
NovemberReinhard LinkeDie zunehmenden Coronazahlen versetzen viele Menschen in Sorge und Ängste.
DezemberRuth Wessels„Unser Gott kommt und schweigt nicht“