„Jesus Christus spricht: Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.“

von Superintendent Dr. Olaf Reinmuth

Gottes Offenheit für uns steht im Zentrum dieses Wortes. Gott verbirgt sich in erster Linie nicht, sondern lässt Nähe zu, sucht sie geradezu oder erwartet sie. Auch wenn die eigenen Eindrücke oft in die andere Richtung weise. Gott öffnet sich den Suchenden und lässt sie nicht hängen. Wenn jemand Gott nahe kommen will, dann lässt er sich ansprechen. Gott bleibt nicht im Verborgenen, sondern lässt sich erkennen und erreichen.

Einige Gedanken dazu.

Bevor eine Begegnung stattfinden kann, muss von beiden Seiten die Bereitschaft bestehen, sich darauf einzulassen. Zwei Bewegungen finden zusammen, wenn Begegnung geschieht. Das eine ist meine Suche Gottes, mein Fragen nach Gott, meine Sehnsucht nach Gott. Das andere ist die Offenheit Gottes für mich und meine Anliegen. Wenn ich will, kann ich Kontakt haben. Es braucht eine eigene Bewegung zu Gott hin. Dann gelingt die Begegnung. Wie großartig das doch ist! Gott wartet auf mich, so sagt es die Bibel. Vor allem in den Gleichnissen vom Verlorenen (vom Verlorenen Schaf, vom Verlorenen Groschen, vom Verlorenen Sohn) in Lukas 15 wird das erzählt. Groß ist die Freude im Himmel über jemanden, der oder die zu Gott kommt.

Die Suche nach Gott zeichnet unsere Zeit stärker aus als die Gewissheit Gottes. So kommt es vielen klugen Köpfen vor. Der Satz aus dem Johannesevangelium setzt den Akzent anders. Die Suche nach Gott wird nicht ins Leere gehen, sondern ihr Ziel erreichen. Denn Gott lässt sich finden, wenn ich Gott suche.

Man könnte einwenden: wieso muss ich Gott suchen? Gott ist überall. Aber das liegt nicht auf der Hand. Das steht nicht allen jederzeit vor Augen. Es braucht eine besondere Öffnung, damit eine Begegnung gelingt.

Welchen Weg kann ich gehen, um Gott zu finden? Für den Evangelisten Johannes ist es klar. „Jesus Christus spricht: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“ Zum Vater kommt ihr nur, wenn ihr der Spur Jesu folgt.

Das geht in zwei Richtungen. Der eine Weg folgt der Menschlichkeit, der andere sieht aufs Kreuz. Das eine ist der Hinweis auf die Menschlichkeit Gottes. Gott am Himmel suchen, das macht keinen Sinn. Was wir von Gott wissen können, sehen wir in Christus.  „Wenn Du Gott finden willst, dann nimm Dich deiner Mitmenschen an“, sagt Jesus im Gleichnis vom Weltgericht in Matthäus 25. Wo jemand Hilfe braucht und jemand Hilfe leistet, da ist Gott anwesend. Der Gedanke scheint kompliziert, ist aber einfach. „Du findest Gott, wo jemand sich um Opfer kümmert.“ Die Nähe zum Verletzten ist charakteristisch für Gott.

Die andere Spur ist das Kreuz. Gott lässt Menschen so nah an sich heran, dass er sogar den Tod riskiert, und nicht nur riskiert, sondern erleidet. Jesus stirbt am Kreuz. So wehrlos offen zeigt sich Gott, dass es wie eine Niederlage aussieht. Aber es ist ein Sieg. „Es ist vollbracht“, sagt Christus nach dem Johannesevangelium in dem Moment, in dem er stirbt. Sogar im Tod steckt noch die Möglichkeit des Lebens. Die Geschichten von der Auferstehung erzählen das. Weil Gott dem Tod nicht ausweicht, ist er in einer ganz fundamentalen Weise offen für alles Menschliche, auch für das Allzumenschliche. Mit allem, was wir an Last, an Fragen, an Schicksalen, an Schuld mit uns herumtragen. Wo es brüchig ist und schwierig, können wir die Nähe Gottes erwarten. Allein die Frage nach Gott, allein ein Seufzen, eine ungefähre Ahnung setzen uns auf die Spur, die zum Ziel führt.

„Nichts kann uns trennen von der Liebe Gottes, die in Christus in die Welt gekommen ist“, betont Paulus. Und zählt dann einen ganzen Haufen Bedrängnisse auf. Schwierigste Erfahrungen, die aber alle nicht verhindern können, dass Paulus Gott gerade in den Bedrängnissen in der Nähe sieht und daraus Kraft schöpft.

Was passiert, wenn ich auf diesen Spuren Gott gefunden habe? Ich habe einen Anteil an der Kraft der Verwandlung. Das ist die Pointe. Nichts wird ungeschehen gemacht. Schwierige Erfahrungen bleiben mir nicht erspart. Aber ich kann sie verwandeln. Nicht alle, nicht sofort, nicht auf einmal, nicht spurlos. Aber ich kann sie verwandeln in Leben.

Mit dieser Aufmunterung können wir, so denke ich, gut starten in das neue Jahr, obwohl die Pandemie und vieles andere uns nicht aus dem Griff lässt.

Gott befohlen!

Andachten 2022

Andachten 2021

Januar Olaf Reinmuth „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“
Februar Markus Fachner Nicht unterkriegen lassen    
März Kai-Uwe Spanhofer Soviel Du brauchst    
April Christoph Harder Verzeihen statt Nachtreten    
Mai Volker Kükenshöner Wichtige Arbeit    
Juni Frauke Wagner „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen    
Juli Silke Reinmuth Werkzeug    
August Christian Wellensiek Berührungspunkte    
September Axel Bruning Sich einfach geborgen fühlen …    
Oktober Bettina Fachner Nachhaltig reich beschenkt sein    
November Katharina Baumann-Schulz Vitamin G  
Dezember Petra Ottensmeyer Trost im Advent