30/12/2025 0 Kommentare
Siehe ich mache alles neu
Siehe ich mache alles neu
# Monatliche Andachten

Siehe ich mache alles neu
von Superindent Dr. Olaf Reinmuth
„Gott spricht: Siehe, ich mache alles neu!“
Offenbarung 21, 5
Die Jahreslosung kommt aus der Offenbarung des Johannes, dem letzten Buch der Bibel. Sie erzählt von einer Welt ohne Tränen und Tod. „Denn was früher war, ist vergangen.“ „Ich werde dem Durstigen Wasser geben, das aus der Quelle des Lebens fließt. Ich gebe es ihm umsonst“, wird Gott in den Mund gelegt. Die Sehnsucht der Menschen nach Leben, nach Frieden und Gerechtigkeit wird erfüllt, aber nur, weil Gott alles neu macht und nichts so bleibt, wie es ist.
In einem Kommentar über die Eigenart der Deutschen las ich neulich: wir gehen mit dem Rücken nach vorne in die Zukunft. Also: der Weg wird freigeboxt durch den Rücken. Der Blick aber geht nach hinten. Hinten liegt die Vergangenheit. Es war die Beobachtung eines Wirtschaftsmenschen. Er wollte damit die fehlende Begeisterung für Innovation und Transformation hierzulande auf den Punkt bringen. In anderen Ländern sei das anders. Angst vor Veränderung bestimmt uns eher als Freude an neuen Entwicklungen. Das Bild ist mir seitdem im Kopf. Wenn es stimmt, markiert es einen Mangel. Richtig offen sein für Neues kann ich eigentlich nicht, wenn ich eher nach hinten gucke. Das ist klar. Wenn ich nur in die Vergangenheit sehe, wird die Zukunft mich überrollen.
Bei uns als Kirche ist es im Grunde ähnlich. Diesen Eindruck kann man durchaus haben, von innen und von außen betrachtet. Wer noch etwas erwartet von der Kirche, erwartet Stabilität. Alles verändert sich. Wenigstens hier soll es bleiben, wie es ist. Denn sonst erkennen wir die Welt nicht mehr wieder. Orientieren kann ich mich nur, wenn ich zwischen all dem Neuen auch auf Bekanntes treffe. Vertrautheit und Heimat sind die Worte, die dann genannt werden. Gerade Heimat hat in den letzten Jahren enorm an Bedeutung gewonnen. Heimat ist da, wo viel Vertrautes ist, kann man sagen, wo ich mich auskenne. Muss das aber Unveränderbarkeit heißen? Ist es nicht viel mehr so, dass sich auch die Kirche verändern muss, wenn sich alle Welt verändert? Ein Ergebnis der letzten Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung war: die Kirche hat nur dann eine Chance, wenn sie sich radikal ändert. „Nur wer sich ändert, bleibt sich treu“, hat Wolf Biermann gesungen. Einfach unbeweglich weitermachen, geht nicht. Insofern ist es komplizierter mit der Stabilität. Man kann leicht den Anschluss verlieren.
Die Jahreslosung legt den Akzent aufs Neue, auf Veränderungen. Sie macht uns Hoffnung. Gott ist in allen Veränderungen dabei. Am Ende wird es gut werden, auch wenn vom guten Ende unterwegs nicht immer viel zu sehen ist. Wer gerne in die Vergangenheit zurückwill, wird allerdings konfrontiert und herausgefordert. Das ist nicht gemütlich. Wo alles beim Alten bleiben soll, gibt es keine Zukunft.
Mehr Experimente wagen, mehr Ausprobieren, mehr verändern und sein lassen, sich auf Neues einlassen – so heißen die Anstöße, die ich hier wahrnehme. Die Offenbarung machte den Christinnen und Christen damals Mut zum Durchhalten. Wir haben viele unserer Lebensumstände selbst in der Hand. Warten allein wird nicht genügen. Mut zum Ausprobieren – das ist der Anstoß aus den alten Worten. Probieren wir es doch aus!
Gott befohlen. Ein gutes, gesegnetes Neues Jahr wünsche ich von Herzen.
Superintendent Dr. Olaf Reinmuth
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